Deutschland: Haben die Erwachsenen endlich den Raum betreten (zumindest an den Universitäten)?
By Lisa Müller
Während die politischen Spannungen in Deutschland zunehmen, beschreibt Lisa Müller einen aktuellen Fall, in dem sich die Wissenschaftsfreiheit gegen die Cancel Culture durchgesetzt hat.
(Englische Version dieses Artikels hier lesen)
Der Cancelling-Versuch trans-aktivistischer Studenten gegen die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Ute Johanna Bayen an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universitäteinrich mündete in der vergangenen Woche in ihrer Unterstützung durch die Universitätsleitung sowie eine geharnischte öffentliche Stellungnahme pro-Wissenschaftsfreiheit des „Fakultätentag Psychologie“, der Zusammenschluss von 66 Psychologie-Instituten an deutschen Universitäten.
Frau Bayen war zur Zielscheibe einer breiten Front aktivistischer Studenten geworden, sogar der RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) eine Organisation mit Nähe zu den regierenden Christdemokraten, machte mit. Anlass war, dass die Studenten Kenntnis erhalten hatten von einer Mail, in der Frau Bayen ihre reguläre Vorlesung für Bachelor-Studenten angekündigt hatte und in der sie den Begriff „Trans-Ideologie“ verwendete.
Die Studentengruppen verlangten die sofortige Kündigung der seit 2007 verbeamteten Professorin und ein Betretungsverbot des Campusgeländes. Eine weitere Forderung: alle bisherigen wissenschaftlichen Publikationen der Professorin sollten überprüft werden. Dass Frau Bayen, wie alle anderen Wissenschaftler, ihre Publikationen in Peer Review-Verfahren der Überprüfung der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft überlässt, scheint ihnen nicht bewusst zu sein oder sie hielten ihr eigenes Urteil für gewichtiger als das der Wissenschaftsdisziplin.
Doch die Wirkung des Aufrufs fiel anders aus als von den Studenten erwartet. Universitätsrektorin Anja Steinbeck und die Universitätsverwaltung ermöglichten durch die Organisation von Polizeischutz und den Umzug der Vorlesung in einen größeren Hörsaal die reguläre Durchführung der Lehrveranstaltung am Dienstag, den 21. Juli 2026.
Die Nachricht vom Cancelling-Versuch hatte sich über das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ rasch in den sozialen Medien verbreitet und wurde anschließend in einigen konservativen Medien aufgegriffen. Der Fall weckte Erinnerungen an die Berliner Biologin Marie-Luise Vollbrecht, die 2022 an der dortigen Humboldt-Universität im Rahmen der Berliner „Langen Nacht der Wissenschaft“ einen populärwissenschaftlichen Vortrag über Zweigeschlechtlichkeit hatte halten wollen. Weil Frau Vollbrecht den Trans-Aktivisten aus ihrer radikalfeministischen Twitter-Präsenz bekannt war, versuchten diese den Vortrag zu verhindern – und hatten Erfolg damit. Die Universität sagte den Vortrag mit der Begründung von Sicherheitsrisiken ab. Dies war der Auftakt für eine jahrelange aktivistische Hetzjagd gegen die befristet angestellte Doktorandin.
Die Düsseldorfer Rektorin schlug einen anderen Kurs als ihre Berliner Amtskollegen ein. Frau Steinbeck wurde im Magazin CICERO folgendermaßen zitiert: „Es ist nicht akzeptabel, jemanden im Vorfeld zum Schweigen zu bringen.“ Wissenschaftlichen Argumenten müsse man mit wissenschaftlichen Argumenten begegnen – „und nicht dadurch, dass man die Debatte komplett verhindert“.
Bestimmte Ideen gelten als unantastbar
Eine normale Vorlesung wurde es dennoch nicht. Neben den 200 Demonstranten vor dem Hörsaalgebäude verschafften sich die Aktivisten auch im Vorlesungssaal Gehör, indem sie während der gesamten 90 Minuten immer wieder buhten und brüllten. Getriggert wurden die Aktivisten laut CICERO von Sätze wie diesen:
- „Es gibt zwei biologische Geschlechter“
- „Es gibt eine niedrige Evidenzqualität dafür, dass Pubertätsblocker die psychische Gesundheit verbessern“
- „Diese Operationen an den Geschlechtsteilen sind Eingriffe in gesunde Körper“.
Auch die Nennung von Lisa Littman’s Studie über „Rapid-Onset-Gender-Dysphoria“ und der Erklärungsansatz der sozialen Ansteckung als möglicher Grund für den Anstieg der Fallzahlen sei mit Protest und dem Vorwurf von „Unwissenschaftlichkeit“ quittiert worden, obwohl Frau Bayen die alternative Erklärung (Entstigmatisierung) ebenfalls nannte. Hier habe, so CICERO, die Professorin den Begriff „Ideologie“ dann tatsächlich einmal verwendet, indem sie verdeutlichte, dass genau das doch unter einer Ideologisierung zu verstehen sei: dass manche Dinge nicht gesagt werden dürfen, weil eine Theorie jeder Kritik enthoben werden soll.
Ob sich die Gemüter in Düsseldorf in der nun anstehenden Prüfungsphase und den Semesterferien beruhigen, ist abzuwarten. Sehr ernüchtert durch die Ereignisse dürfte aber Max Fockenberg, der Vorsitzende der Düsseldorfer RCDS-Gruppe sein. Das Mitmachen bei links-identitäten Schlachten führte bei ihm zu einer steilen Lernkurve: Er trat im Verlauf der Woche von seinem Amt im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen zurück.
Dass den studentischen Aktivisten nicht bekannt ist, wie wissenschaftlicher Diskurs und politische Debatte in der Bundesrepublik üblicherweise organisiert sind und welchen verfassungsmäßigen Rang die Wissenschaftsfreiheit hat, ist vielleicht noch entschuldbar.
Grund zum Optimismus trotz tief verwurzelter politischer Spaltungen
Bezeichnend ist jedoch, dass auch zwei Bundestagsabgeordnete, die Transfrau Nyke Slawik (GRÜNE Partei) und die non-binäre identifizierte Lizzy Schubert (linksradikale Partei DIE LINKE) sowie der Düsseldorfer Vorsitzende der Partei SPD (Sozialdemokraten) im Anschluss auf Sozialen Medien ins gleiche Horn wie die Studenten bliesen und der Professorin Unausgewogenheit unterstellten. Wie in diesen Parteien üblich, gaben sie der angeblichen „Transfeindlichkeit“ der Universität eine Mitverantwortung für die behaupteten zunehmenden Anfeindungen gegen „queere“ Menschen in Deutschland. Dieses Argumentationsmuster zielt auf die Umfrage- und Wahlerfolge der „Alternative für Deutschland“ ab, die sich als einzige in Parlamenten vertretene Partei konsistent gegen Transaktivismus stellt und die affirmative Behandlung infrage stellt. Die Fronten sind lange klar und sie bewegen sich keinen Zentimeter.
Dennoch macht die Causa Bayen Hoffnung, denn mit einer robusten Antwort des Wissenschaftsdisziplin Psychologie konnte niemand rechnen, der in den letzten 10 Jahre das Agieren von Psychotherapeuten im Trans-Bereich erleben musste. In der Stellungnahme des Fakultätentags Psychologie heißt es unter anderem:
„Mit großem Befremden hat die Leitung des Fakultätentages Psychologie zur Kenntnis genommen, dass mehrere Studierendenverbände an der Universität Düsseldorf das Verbot einer Vorlesungsveranstaltung von Frau Prof. Dr. Ute Johanna Bayen sowie die Entlassung unserer Kollegin aus dem Dienst der Universität gefordert haben. Solche Forderungen und Vorgehensweisen sind mit der Wissenschaftsfreiheit in einem demokratischen Gemeinwesen unvereinbar.
Jedem steht es frei, zum Vortrag einer Wissenschaftlerin oder eines Wissenschaftlers Stellung zu nehmen, nachdem er oder sie ihn gehört hat. Jedem steht es frei, mit der betreffenden Wissenschaftlerin oder dem betreffenden Wissenschaftler darüber zu diskutieren (wie es Frau Prof. Bayen auch angeboten hat). Wer sich dann an den Aussagen stört, kann auch von seinen demokratischen Rechten der öffentlichen Meinungsäußerung oder des Demonstrierens Gebrauch machen. Unser Wissenschaftssystem und unser Staatswesen halten geregelte und zivilisierte Wege des Austausches und auch der Widerrede bereit. Wer diese Wege verlässt, der dokumentiert dadurch, dass ihm an einem Diskurs in der Sache nicht gelegen ist. […]“
Quellen
- Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Netzwerk-Wissenschaftsfreiheit auf X: „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit verurteilt Angriffe auf Psychologie-Professorin an der HHU Düsseldorf Pressemitteilung vom 20.07.2026 Die Forderungen des ASTA und weiterer Studenten an der HHU Düsseldorf, die Vorlesung der Psychologin Prof. Dr. Bayen über Entwicklungspsychologie“ / X
- WELT online: Düsseldorf: Professorin hält Vortrag über „Trans-Identitäten“ – Studenten fordern Rauswurf und Campus-Verbot – WELT
- Artikel CICERO: https://archive.ph/ZKAGk
- Fakultätentag Psychologie: fakultaetentag-psychologie.de/empfehlungen-und-stellungnahmen/details/wissenschaftsfreiheit/
- GRÜNE, LINKE, SPD: R. Eder-Kirsch 🐡 auf X: „Mit „Nyke“ Slawik und Lisa „Lizzy“ Schubert äußern sich nun auch zwei Mitglieder des Bundestages kritisch zu der Vorlesung an der HHU. Schubert (23) ist selbst noch als Studentin an der HHU eingeschrieben (Sozialwissenschaften). Sie identifiziert sich als nicht-binär. 🤡🌎 https://t.co/LEYeAe3W4D“ / X
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